Die Situation junger Anwälte auf dem Arbeitsmarkt ...

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Welcher junge Anwalt kann sich eine eigene Kanzlei leisten?

 

Lassen Sie mich durch, ich bin Anwalt

Von Dietmar Hipp

"Hilfe, ich habe kein Prädikatsexamen" - ist das Leben eines Juraabsolventen damit vorbei? Trotz Juristenschwemme können sich Junganwälte erfolgreich selbständig machen. Sie müssen sich spezialisieren und ein gutes Konzept zimmern. Oder die Gunst der Stunde nutzen.

Es war zunächst ein Zufall, der Ole Damm, 38, nach seinem Jurastudium dahin brachte, wo er heute ist - er wusste ihn zu nutzen.

"Wie die meisten anderen stand ich erst einmal ohne konkrete Perspektive da", erinnert sich Damm. Seine Noten waren "zwar leicht überdurchschnittlich, aber das bedeutet bei Juristen eben nicht, dass sich der Arbeitsmarkt automatisch öffnet". Was also tun? Wo sind die Jobs? Erst recht die Klassejobs? Das große Juristendrama hätte an dieser Stelle losgehen können.

Muss aber nicht. Nicht, wenn man es so macht wie Ole Damm. Eine günstige Fügung wollte es, dass er den Geschäftsführer einer aufstrebenden Internet-Agentur kannte und diese rechtlich beraten durfte. So wurde eine Anwaltskanzlei auf den Jungjuristen aufmerksam. Sie holte ihn zu sich, um eine Abteilung aufzubauen für IT-Recht und gewerblichen Rechtsschutz. Dort wiederum lernte er einen der bedeutenderen Ebay-Händler kennen, der ihm gleich einen ganzen Klientenkreis führender Powerseller öffnete.

Ole im Glück: Nach anderthalb Jahren, im Januar 2005, gründete Damm seine eigene Kanzlei. Eine Spezialkanzlei für Online-Händler und gewerblichen Rechtsschutz. Schon nach kurzer Zeit hat er eine zweite Anwältin dazugeholt, bald soll ein dritter Jurist dazukommen, die Umsätze der Kanzlei liegen inzwischen in einem hohen sechsstelligen Bereich. "Ich bin mit klaren Augen und einer strengen Spezialisierung in den Markt gegangen", sagt Damm, "meine Noten spielen längst keine Rolle mehr."

Mut zum Risiko zahlt sich nicht immer aus

Obendrauf auf den ganzen Erfolg bekam der Junganwalt jetzt auch noch eine offizielle Würdigung: Anfang Juni erhielt er bei einer Feierstunde im Französischen Dom in Berlin einen der "Kanzlei-Gründerpreise" des Soldan Instituts für Anwaltsmanagement.

Nur Berater, die ein Verständnis dafür entwickeln, wie "die Akteure ticken", könnten in so extrem dynamischen Märkten erfolgreich sein, schwärmte der Kölner Marketingprofessor und Leiter des Soldan Instituts, Christoph Hommerich, in seiner Laudatio; Damm habe mit seiner "speziellen Nischenidee" und einem "intensiven Spezialistenmarketing" eine "sehr effektive" Kanzleigründung geschafft.

Sich als Anwalt selbständig zu machen, ist seit jeher eine wichtige Alternative für Jura-Absolventen, die keine überragenden Noten haben - wer will sich schon, wenn es mit einer Festanstellung nicht klappt, als freier Mitarbeiter oder Praktikant mit einem Hungerlohn abspeisen lassen? Dabei steigt die Zahl der Anwälte stetig: Rund 147.000 zugelassene Rechtsanwälte gibt es inzwischen in Deutschland, im Schnitt kommt auf 560 Bundesbürger ein Advokat. Der Mut zum Risiko zahlt sich daher oft nicht aus. Jeder zweite Kanzleigründer kann seinen Lebensunterhalt nicht aus der Anwaltstätigkeit bestreiten und ist auf weitere Einnahmequellen angewiesen.

Ticken wie die Akteure

"Mein Leben ist zu Ende, ich habe kein Prädikatsexamen", jammerte jüngst eine Studentin bei Hommerich. Kein Grund zur Klage, wie der Anwaltsforscher findet. Mit guten Ideen lasse sich Erfolg durchaus planen - das zeigen die Beispiele aus dem diesjährigen Gründerwettbewerb.

 

So hat sich ein Frankfurter Anwalt, der in die engere Auswahl für die Preise kam, auf Non-Profit-Organisationen und Stiftungen spezialisiert. Eine Hamburger Familienrechtsanwältin wendet sich gezielt an homosexuelle Paare mit eingetragener Lebenspartnerschaft. Und eine Münchner Kanzlei, die dafür den dritten Preis erhielt, konzentriert sich auf die Beratung in Umsatzsteuerfragen - was einen besonderen Coup darstellt: Das Umsatzsteueraufkommen beträgt im Jahr knapp 170 Milliarden Euro. "In Rechtsanwaltskanzleien", schrieben die Gründer, "ist dieses Beratungsgebiet eher vernachlässigt worden."

Seit 2001 wird der Gründerpreis alle zwei Jahre verliehen - Institutschef Hommerich hat mittlerweile einen klaren Trend ausgemacht. Die "meisten erfolgreichen Gründungskonzepte" würden inzwischen "von Spezialisten vorgelegt". Besonders leicht fällt die Spezialisierung meist Anwälten, die vorher schon in einer anderen Kanzlei gearbeitet haben und so schon Erfahrungen sammeln konnten - und vor allem Mandantenkontakte.

"Weiße Flecken mit Farbe füllen"

Der Darmstädter Verwaltungsrechtsexperte Alfred Stapelfeldt, 38, war mit zwei Kanzleikollegen auf die Idee gekommen, ein Angebot speziell für Städte, Gemeinden und deren Unternehmen zu schaffen. Seine damaligen Chefs waren dazu nicht bereit, also machten sich die drei Juristen selbständig. Der Vorteil dieser Spezialisierung: "Kommunen sind Dauermandanten, wenn man sie gut behandelt", so Stapelfeldt, "und die Verantwortlichen geben ihre positiven Erfahrungen schnell an andere Kommunen und Träger weiter."

Stapelfeldt und seine Kollegen schafften das unter anderem, indem sie besonders schnelle Bearbeitung garantieren. Und auch den Ertrag haben die Gründer optimiert: In den Morgen- und Abendstunden übernimmt ein Hotline-Anbieter den Telefondienst, ihre Schriftsätze diktieren die Anwälte direkt in den Computer; zu dritt kommen sie so mit einer einzigen Sekretärin aus - während andere Kanzleien die Hälfte des Umsatzes für Fixkosten aufwenden, sind es bei Stapelfeldt und Co. nur 28 Prozent. Das brachte ihnen den ersten Platz beim Gründerpreis.

"Gerade die Spezialisierung in der Spezialisierung ist ein sehr erfolgreicher Weg", sagt Axel Filges, Präsident der Bundesrechtsanwaltskammer und Jurymitglied beim diesjährigen Gründerpreis. "Es gibt genügend weiße Flecken auf dem Rechtsmarkt, man muss sie nur finden und mit Farbe füllen."

Natürlich reicht es nicht, sich irgendein Orchideengebiet zu suchen, und schon brummt die Kanzlei. Die Zielgruppe sollte beispielsweise groß genug sein. Und vor allem nicht wieder so schnell vom Markt verschwinden wie etwa viele Internet-Start-ups der ersten Generation, die ihre Rechtsberater mit in den Abgrund rissen. Eine Anwältin scheiterte unlängst mit ihrer Idee, nur Frauen zu beraten - deren Anliegen waren wohl doch zu heterogen.

Kluges Marketing öffnet Türen

Ein weites Feld öffnet sich den Gründern - selbst große, traditionelle Wirtschaftsgebiete sind noch keinesfalls abgegrast. In der Ärzteschaft zum Beispiel sieht Hommerich eine noch zu wenig beachtete Zielgruppe: Durch "den Strukturwandel im Gesundheitswesen" gebe es dort "hohen Beratungsbedarf".

 

Noten von Absolventen: Bei Juristen stets streng
DER SPIEGEL

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Wichtig dabei: mit geschicktem Marketing den Einstieg zu finden. Wer sich auf Jagdrecht spezialisieren will, muss in "Wild und Hund" publizieren, und "mit einem kundigen Aufsatz im Bankrecht hat man, wenn man es geschickt anstellt, mit einem Mal fünf Schlüsselmandate gewonnen", so Hommerich. "Prinz trifft Prinzessin", laute dabei der optimale Ansatz: Wie der Hamburger Medienanwalt Matthias Prinz, der über seine erfolgreichen Prozesse für Prinzessin Caroline von Hannover zur nationalen Berühmtheit aufstieg, sollten Gründer vor allem über gezielte Projekte und Mundpropaganda weitere Mandate akquirieren.

 

Bei der Bochumer Anwältin Diana Hampe, 34, hat das - im Kleinen - funktioniert, sogar ohne vorherige Festlegung auf ein Spezialgebiet und ohne anwaltliche Berufserfahrung. Während des Studiums hatte die Deutsch-Koreanerin schon als Übersetzerin für Unternehmen gearbeitet, seitdem war ihr klar, dass sie sich ausschließlich um Geschäftskunden kümmern wollte.

Geduldige Suche nach der richtigen Nische

Zu Beginn ihrer Selbständigkeit vor zwei Jahren konnte sie sich nicht einmal ein eigenes Büro leisten, wie viele Junganwälte. Sie machte aber das Beste draus, indem sie einen Dienstwagen leaste und die Termine einfach bei ihren Mandanten machte. "Unternehmer haben sowieso keine Zeit", sagt Hampe lachend, "und wenn sie mal zusätzliche Unterlagen brauchen, sind die schneller zur Hand."

 

Rechtsreferendare (in Düsseldorf): Weites Feld für Gründer
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Einer ihrer ersten Mandanten, ein Kosmetikproduzent, hatte Ärger mit einem Konkurrenten, der ihn mit einer Flut wettbewerbsrechtlicher Verfahren überzog. Hampe arbeitete sich immer tiefer in die Materie ein, und schoss erfolgreich dagegen - so erfolgreich, dass ihr Mandant nicht nur die meisten der Prozesse gewann, sondern dem Konkurrenten auch Kunden abnehmen konnte, "weil die feststellten", so Hampe, "dass sich mein Mandant wesentlich korrekter verhalten hatte".

 

Schon nach einem Jahr erzielte Hampe fast 100.000 Euro Umsatz, längst hat sie ein eigenes Büro, lässt sich von einer Diplomjuristin zuarbeiten und beschäftigt eigens einen Studenten, um potentielle Kunden gezielt anzuschreiben.

Dass sich manche Spezialisierungen erst allmählich ergeben, weiß Silke Waterschek, Vorsitzende der Junganwälte im Deutschen Anwaltverein und ebenfalls Mitglied der Gründerpreis-Jury, aus eigener Erfahrung. Die Heilbronner Anwältin hat sich unmittelbar nach dem Studium mit einer Kanzlei in der eigenen Wohnung und relativ "breitgefächert" selbständig gemacht.

Inzwischen haben sich bei ihr zwar noch andere Schwerpunkte herauskristallisiert - ihre beständigste Einnahmequelle sind aber sogenannte Verfahrenspflegschaften in Betreuungsfällen, die sie vom Vormundschaftsgericht zugewiesen bekommt. "Auf Dauer sollte sich jeder spezialisieren", lautet Waterscheks Rat, "die richtige Nische zu finden, braucht manchmal einfach seine Zeit."